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(20.09.10/lp)
Markus Hungerbühler kandidiert im Kanton Zürich für den
Nationalrat: Der CVP-Politiker lebt in einer eingetragenen
Partnerschaft. Wir haben ihm ein paar Fragen über seine
politischen Ziele, über das Adoptionsrecht und über das
politische Klima gestellt.
gay.ch: Sie sind eher "auf dem Land" aufgewachsen und leben
heute in einer Eingetragenen Partnerschaft in der Stadt Zürich
und kommunizieren ihre Homosexualität auch offen: Welche
Reaktionen haben Sie diesbezüglich erhalten?
Markus Hungerbühler: Ich habe eigentlich nur positive Reaktionen
erhalten. Auch im Thurgau, wo ich aufgewachsen bin, hat niemand
die Nase darüber gerümpft. Warum auch? Gerade der
Abstimmungskampf zum Partnerschaftsgesetz im 2005 hat vielen
Bürgerinnen und Bürger gezeigt, dass die Lesben und Schwulen
Realität sind: in der Stadt und auf dem Land. Wir sind da, und
wir sind Teil unserer Gesellschaft. Ich bin sicher, und kann das
aus eigener Erfahrung bestätigen, die überwältigende Mehrheit
der Bevölkerung hat kein Problem mit den LGBTs.
Eine Frage, welche Sie sicher oft zu hören bekommen: Sie
setzen sich für eine schwulenfreundliche Politik ein, etwa in
Bezug auf das Adoptionsrecht, wie lässt sich das mit dem "C" in
ihrer Partei vereinbaren? Sie hatten/haben ja auch zahlreiche,
tragende Ämter innerhalb
der CVP inne.
Dass ich mich als CVPler für das Adoptionsrecht einsetze, ist
aus meiner Sicht kein Problem. Gerade eine Familienpartei wie
die CVP kann diese Frage auf die Länge nicht ausklammern. Wie
sieht denn heute eine Familie aus? Das traditionelle
Familienbild hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark
gewandelt. Denken wir nur an die vielen alleinerziehenden
Personen oder an die Patchwork-Familien. Solche Familienformen
sind heute keine Ausnahmen mehr. Wer sagt denn, dass Schwule und
Lesben Kinder nicht ebenso gut erziehen können wie Heteros?
Fürsorge und Liebe sind nicht einfach heterosexuelle
Eigenschaften. In der Bevölkerung sind solche "urtraditionelle"
Vorstellungen zwar noch vorhanden. Es sind oft billige
Vorurteile, die hier im Spiel sind. Und gegen solche müssen wir
ankämpfen.
Auf ihrer Homepage unterstreichen Sie, dass sie sich für ein
Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einsetzen. Wie
denken Sie, können Sie sich einbringen, um dieses Ziel zu
erreichen? Was denken Sie, welche Chance hat dieses Anliegen
überhaupt?
Ich mache mir keine Illusionen: Es wird nicht einfach sein.
Zuerst müssen wir die beiden Parlamentskammern, also National-
und Ständerat, für dieses Anliegen gewinnen. Und danach - davon
kann ausgegangen werden - wird wohl das Volk das letzte Wort in
dieser Frage haben. Je früher wir mit den Vorbereitungen
beginnen, umso eher können wir dem Anliegen zum Durchbruch
verhelfen. Ich hoffe sehr, dass sich das Parlament in der
nächsten Legislaturperiode (2011 bis 2015) an die Arbeit machen
wird. Und ich bin überzeugt, eine allfällige Volksabstimmung
wird eine harte Sache werden. Hier kann ich meine Erfahrungen
aus dem Abstimmungskampf für das Partnerschaftsgesetz aus dem
Jahre 2005 einbringen. Da müssen wir uns mit Herzblut engagieren
- und gewinnen!
Ein weiteres Anliegen, welches auch gay.ch als besonders
wichtig erachtet, und über welches wir bereits des öfteren
berichtet haben, ist die verstärkte Integrierung von
Homosexualität im Lehrplan, um einerseits gerade jungen Schwulen
und Lesben Mut zum Coming Out zu machen, und so auch der
Problematik von Mobbing/Bullying entgegenzuwirken, aber auch um
gegen das Tabu "Homosexualität" bei Jugendlichen mit
Migrationshintergrund anzutreten: Wie könnte man dies ihrer
Meinung nach am besten Umsetzen?
Mir ist beispielsweise das Projekt GLL (Gleichgeschlechtliche
Liebe leben) bekannt. Solche Initiativen sind überaus hilfreich
und tragen Früchte. Nur wäre es natürlich wünschenswert, wenn
gerade dieses Thema ein fester Bestandteil des Lehrplans wäre.
Auch heute noch verwenden viele Jugendliche das Wort "schwul"
als Schimpfwort und abwertend, weil sie es nicht besser wissen.
Gegen diese negative Haltung helfen Offenheit und
Sensibilisierung. Wenn Homosexualität in der Schule behandelt
wird, profitieren nicht nur lesbische und schwule Jugendliche
von dem verbesserten Schulklima, sondern alle. Deshalb ist die
Integration in den Lehrplan ein wichtiges Anliegen.
Das politische Klima ist unserer Ansicht nach rauer geworden:
Populismus hat Hochkonjunktur, sachliche Argumente haben es
immer schwerer wirklich wahrgenommen zu werden. Wie beurteilen
Sie diese Entwicklung?
Ich stehe der Entwicklung sehr kritisch gegenüber. Wir müssen
aufpassen, dass wir nicht den Zusammenhalt unseres Landes
unnötig aufs Spiel setzen. Wir sind die letzten Jahrzehnte gut
gefahren mit unserem Regierungssystem und der gelebten Toleranz
und unserer Konkordanz. Das möchte ich nicht leichtfertig aufs
Spiel setzen. Denn die LGBT-Community wäre möglicherweise unter
den ersten, die dies negativ zu spüren bekämen. Ich hoffe
wirklich, der Gemeinsinn kommt uns nicht völlig abhanden.
Welche Wünsche und Hoffnungen haben Sie in Bezug auf die
Zukunft, einerseits für die Schweiz, aber auch für die Politik
und für ihre persönliche Laufbahn?
Belassen wir es bei der Schweiz und der Politik: Ich hoffe, dass
wir uns nicht von unserem Weg der Konkordanz und Konzilianz
abbringen lassen. So schlecht wie oftmals geurteilt wird, waren
die vergangenen Jahrzehnte nicht. Natürlich hätte man das eine
oder andere besser bzw. anders machen können. Doch im Vergleich
mit unseren Nachbarländern geht es uns nicht schlecht. Im
Gegenteil: Ich denke, unsere Bilanz darf sich in jeder Hinsicht
sehen lassen. Diese Erfolgsgeschichte gilt es fortzusetzen. Wir
müssen aber daran arbeiten und dranbleiben.
Mehr Informationen zur Politik und zur Person von Markus
Hungerbühler:
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