(01.12.2011)
Was Pink Cross Präsident Uwe Splittdorf zum Welt Aids Tag zu
sagen hat: Sein Communiqué...

Aids - was geht uns das an?
Immer am 1.
Dezember und dies seit 1988, wird der Welt-Aids-Tag begangen. In
den Städten stehen Stände und an den Revers hängen die roten
Solidaritäts-Schleifen. Doch: Was geht uns Schwule Aids an? Es
gibt doch in der Zwischenzeit gute Therapien, welche eine
HIV-Erkrankung zwar nicht heilen, aber doch kontrollieren
können. Aids, so wie wir es aus den 80er Jahren kannten, gibt es
nicht mehr..
In den
letzten Tagen waren die Medien voll von Rückblenden auf das
Leben von Freddie Mercury, dem Sänger der Band Queen, der am 24.
November 1991, also vor 20 Jahren starb. In der Schweiz erinnern
sich die älteren, vielleicht noch an den Fernsehjournalisten
Andre Ratti, dem ersten Präsidenten der Aidshilfe Schweiz, der
ein paar Jahre zuvor, am 2. Juni 1985 an die Öffentlichkeit trat
und sagte: „Ich heisse André Ratti, ich bin 50, homosexuell, und
ich habe Aids.“ Knapp anderthalb Jahre später, am 25. Oktober
1986 starb er. Oder an die Tagesschau vom 3. Februar 1987, als
sich der (schwule) Moderator Charles Clerc einen Pariser über
die Finger stülpte.
Und heute:
Da sind Armin, Beat, Claudia oder wie sie alle heissen. Sie sind
HIV-positiv aber niemand von ihnen hat Aids. War beim „Bums“ ein
„Dings“ spätestens seit die Übertragungswege der Krankheit
bekannt waren Pflicht, ist die Pariser-Müdigkeit in der Schwulen
Szene seit einiger Zeit nicht zu übersehen. Aids hat viel von
seinem Schrecken eingebüsst. Die einen Rauchen und gefährden
damit ihre Gesundheit, die andern foutieren sich um Safer Sex
und gefährden damit ihre Gesundheit. Wo ist der Unterschied? Der
Unterschied liegt darin, dass Krebs als Folge des
Nikotin-Konsums häufig schlechter zu bekämpfen ist als eine
HIV-Infektion. Die Diagnose „Krebs“ bedeutet heute das höhere
Todesrisiko als die Diagnose „HIV positiv“. Weshalb denn noch
HIV-Prävention, sagen sich viele. Unsafe Sexualpraktiken in den
Darkrooms ist (wieder) gang und gäbe.
Machen wir
uns aber nichts vor: eine HIV-Infektion belastet die Gesundheit
des Menschen, den sie betrifft, massiv. Und: Warum sich eine
chronische Krankheit holen, welche sich ganz einfach vermeiden
lässt. Niemand führt sich absichtlich einen Knochenbruch zu,
obwohl der ja wieder vollständig abheilt. Aber wegen des kurzen
Genusses lebenslang Tabletten zu schlucken, welche erst noch
sehr teuer sind, ist es das wirklich wert?
Noch ein
anderer Aspekt: Vielleicht hat HIV bei uns wirklich seinen
tödlichen Schrecken verloren. Aber in andern Ländern sieht das
ganz anders aus. Aids ist in Afrika, aber nicht nur dort, nach
wie vor ein Thema. Die Medikamente, die bei uns den
HIV-Infizierten die Lebensqualität zurück geben, sind in vielen
Länder entweder nicht verfügbar oder die Betroffenen können sie
sich nicht leisten. Die Menschen sterben an der Krankheit und
das oft in erbärmlichen Verhältnissen.
HIV-Infizierte
leiden zudem in vielen Ländern unter Diskriminierung und
Ausgrenzung, ein Thema, das auch bei uns durchaus noch sehr
virulent ist. Von vielen HIV-Erkrankten weiss die Umgebung
nichts von der Krankheit. HIV ist viel stärker stigmatisiert als
eine Krebserkrankung, über die oft auch nicht offen gesprochen
wird. Vielleicht ist es an der Zeit, dass sich mehr HIV-positive
Menschen zu einem öffentlichen Comingout durchringen, damit
jedem und jeder in der Schweiz bewusst wird: Der HIV-Positive,
das ist dein Nachbar, deine Nachbarin.
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