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SERBIEN: Kritik an Pride-Absage
family image(03.10.11/dom) Serbien ist eingeknickt und kapituliert vor der Gewaltandrohung der Rechtsextremen und Ultranationalisten: Die für das vergangene Wochenende geplante Gay Pride in Belgrad wurde kurzfristig doch noch abgesagt.

Wochenlang drückte man sich um eine Entscheidung: Die Polizei erklärte die Politik für verantwortlich und die Politik drückte sich um eine Entscheidung und zeigte sich wenig entschlussfreudig. Weil die Ultranationalisten und Erzkonservativen eine Gegendemonstration zur geplanten Gay Pride in der Belgrader Innenstadt ankündigten, verhängten die Behörden nun kurzerhand ein Demonstrationsverbot für das ganze Wochenende, und zwar sowohl für die Gegenproteste, wie auch für die Gay Pride. Man habe mit dieser Entscheidung ein Blutvergiessen auf den Strassen verhindern wollen, hiess es in der Erklärung, und sogar von Befürchtungen von möglichen Todesopfern war die Rede. Die Gegendemonstranten hätten nordafrikanische Zustände, Brandanschläge, Ausschreitungen und gar Busentführungen angedroht, fügte der Innenminister Ivica Dačić weiter hinzu.

Empört ob dieser Entscheidung zeigten sich die Veranstalter der Gay Pride: Es sei eine Schande für den Staat, erklärten sie in einer Stellungnahme. Die Regierung habe vor der Gewalt kapituliert. Die Drohungen der Gegendemonstranten würden deutlich machen, wie extrem die Homophobie im Land sei. Gewalt gegen Minderheiten werde als normal beachtet, heisst es weiter, dies sei nicht zuletzt die Folge von jahrelanger Propaganda. Doch die Kritik kam nicht nur von Seiten der Veranstalter, sondern auch international wurde die Regierung Serbiens gerügt. So erklärte etwa die schwedische EU-Ministerin Brigitte Ohlsson, dass es vollkommen inakzeptabel sei, eine Pride zu stoppen, sowohl für EU-Mitgliedsstaaten, wie auch für solche, welche EU-Mitglied werden möchten. Damit weist die Ministerin genau auf das „Dilemma“ ein, in welchem sich die serbische Regierung befand. Innenpolitisch gesehen, war eine Absage durch die Politik aufgrund der massiven Drohungen wohl längst favorisiert worden, doch der internationale Druck war enorm, da sich Serbien gerne als Kandidat für eine Aufnahme in die EU sehen würde und da werden solche Menschenrechtsverletzungen sehr ungern gesehen. Ähnlich sehen es auch zahlreiche Menschenrechtler: Das lange zuwarten bis zu einer Entscheidung sei vor allem daher zu erklären, dass man die EU einigermassen zufrieden stellen wollte, die endgültige und kurzfristige Absage sei hingegen innenpolitisch und nicht zuletzt auch wahltaktisch zu erklären. Es stehen in Serbien bald Wahlen an und man wollte die Extremisten daher nicht verärgern. Dadurch hat die Mitte-Links-Regierung momentan andere Prioritäten als die LGBT-Community zu unterstützen, man will schliesslich die konservativen Wähler nicht noch mehr in die Hände der politischen Gegner spielen.

Noch vor einem Jahr stellte sich die Regierung eindeutig hinter die Durchführung der Gay Pride – notabene war es die gleiche Regierung, welche nun die Absage erteilte. Es war die erste Pride seit neun Jahren in der serbischen Hauptstadt. Damals standen 5000 Polizisten für die Sicherheit der rund 1000 Teilnehmer der Gay Pride bereit. Es kam jedoch in der Innenstadt von Belgrad zu massiven Ausschreitungen, denn die gleichen Gegendemonstranten wie heute, haben damals ihre Drohungen wahrgemacht und sie haben sich wahre Strassenschlachten mit der Polizei geliefert. In der Folge gab es rund 100 Verletzte, doch der Polizei ist es gelungen, dass die Teilnehmer der Pride trotzdem ohne immense Störungen ihre Demonstrationszug abhalten konnten. Unter den Teilnehmern waren damals auch verschiedenste Botschafter von EU-Staaten, und ein Mitglied der serbischen Regierung war gar als Redner bei der Abschlusskundgebung aufgeführt.

Mit der Absage der Gay Pride gaben sich die Veranstalter jedoch nicht zufrieden: Obwohl die Polizei ihnen keinen Schutz garantierte, blockierten einige LGBT-Aktivisten während ein paar Minuten den Verkehr in der Belgrader Innenstadt um auf ihre Anliegen und auf das Verbot der Pride aufmerksam zu machen. Die Organisatoren kündigten zudem an, dass sie sich mit einer Klage an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wenden werden um das Recht für freie Meinungsäusserung und auch für Versammlungsfreiheit zu erreichen.